5. – 13. Schuljahr

Steffen Schaal

Faszination: Mythos

Konzept zum Aufbau eines kritischen Wissenschaftsverständnisses

Gibt es eine Zeckenart, die sich unter der Haut einnistet? Sterben Linkshänder früher? Brauchen Frauen mehr Schlaf, weil ihr Gehirn intensiver arbeitet? Funktioniert die Blutgruppen-Diät? Kann mit Löwenzahnwurzel-Extrakt Krebs behandelt werden?
All diese Fragen entstammen Mitteilungen in sozialen Medien und Online-Plattformen und wurden zwischen 2016 und 2017 verbreitet. Allen gemeinsam ist: Sie sind so genannte „Urbane Mythen und Legenden, „Großstadtlegenden oder „Moderne Sagen. Solch über das Internet verbreiteter „Hokuspokus die ursprüngliche Wortherkunft der Bezeichnung „Hoax macht es für weite Teile der Bevölkerung schwer, verlässliche Meldungen von unseriösen Berichten zu unterscheiden (Kasten 1, Abb. 1 ).
1 | Urbane Legenden, moderne Sagen, wissenschaftliche Mythen
1 | Urbane Legenden, moderne Sagen, wissenschaftliche Mythen
Bereits seit den 1990er-Jahren werden im deutschen Sprachraum moderne Sagen gesammelt und analysiert (z.B. Brednich, 1990 und seine folgenden Arbeiten), im Internet finden sich eine Reihe von Plattformen, die sich mit urbanen Legenden und wissenschaftlichen Mythen befassen (die älteste Plattform ist seit 1994 http://www.snopes.com).
Urbane Legenden/Großstadtlegenden/moderne Sagen: Wie Ammen- und Schauermärchen sind urbane Legenden mehr oder weniger skurrile Anekdoten, die auf informellem Weg (mündlich, digital per E-Mail und soziale Netzwerke) verbreitet werden. Deren Quelle ist in der Regel nur schwer nachzuverfolgen.
Wissenschaftlicher Mythos: Ein Sachverhalt, der entweder durch verzerrte Wiedergabe von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Übervereinfachungen, Fehlinterpretation, durch schlechte Studienqualität, Verfahrensfehler oder gezielte Manipulation fehlerhaft dargestellt wird. Streng genommen zählen hierzu auch vermeintliche wissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien, welche dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit nicht entsprechen (oft als Para- oder Pseudowissenschaften bezeichnet). Das ursprüngliche Verständnis eines Mythos als eine Erzählung von Menschen und Göttern ist hier nicht anzuwenden. Wissenschaftliche Mythen sind oft Teil urbaner Legenden.
Hoax: „Hokus Pokus eine über digitale Medien verbreitete Falschmeldung: Rattenurin in der Getränkedose, Nadeln mit KO-Tropfen in Damenschuhen oder die erste erfolgreiche Kopftransplantation sind Beispiele mit Bezügen zur Biologie. (Die TU Berlin bietet eine stets aktualisierte Liste von Hoaxes: https://hoax-info.tubit.tu-berlin.de/hoax/hoaxlist.shtml)
Naturwissenschaftlich Erkenntnisse werden auf der Grundlage eines von WissenschaftlerInnen geteilten Wissenschaftsverständnisses generiert und diskutiert. In Deutschland sind dies beispielsweise die Prinzipien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Doch diese Qualitätsstandards sind in der breiten Öffentlichkeit wenig bekannt und das Prädikat „wissenschaftlich belegt muss für eine Vielzahl von Aussagen herhalten von der Wirkung probiotischer Milcherzeugnisse über die Anti-Falten-Wirkung einer Hautcreme bis hin zur Blutgruppen-Diät. Und besonders problematisch ist dabei, dass es nicht nur Laien, sondern auch Wissenschaftlern selbst oft nicht leichtfällt, wissenschaftliche Mythen sofort zu entlarven. In Zeiten von „Fake News und „alternativen Fakten erscheint es daher umso wichtiger, bereits in der Schule dafür zu sensibilisieren, was gute wissenschaftliche Praxis ausmacht, deren Merkmale zu kennen und vor allem unseriöse, pseudo- oder schlicht nicht-wissenschaftliche Aussagen zu identifizieren.
Im Jahr 2016 sorgte beispielsweise eine Debatte zur HPV-Impfung für Furore, die im November 2016 in einer Open Access Zeitschrift veröffentlicht wurde (Aratani u.a., 2016): Im Tierversuch wurden schwere Schädigungen des Nervensystems nach einem Impfzyklus berichtet. Die Autoren gießen mit dieser Aussage Wasser auf die Mühlen der Impfgegner. Die...

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