Artenschutz und NachhaltigkeitDie Größe ist entscheidend

Zum Schutz der Fischbestände wurde u.a. die Maschengröße der Fischernetze reguliert. Was als Maßnahme zum Artenschutz angedacht war, sorgt vermutlich selbst für den Rückgang der Fischbestände. Der Blick auf evolutionäre Mechanismen kann helfen, das Phänomen zu erklären.

Kabeljau

Das Abfischen von größeren Tieren sollte eigentlich den Bestand des Kabeljaus sichern. Foto: © Vlada Photo/shutterstock.com

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Die Überfischung der Meere ist seit langem ein weltweites Problem

Sind die Meere leergefischt, gefährdet das sowohl die Ernährung der Erdbevölkerung, als auch die Existenz der Menschen, die vom Fischfang leben. Nationale und internationale Organisationen bemühen sich deshalb, zu Vereinbarungen zu kommen, um die Meere dauerhaft als Nahrungslieferanten des Menschen zu erhalten.

Zu den vereinbarten Schutzmaßnahmen gehören neben räumlichen und zeitlichen Beschränkungen des Fischfangs auch Quoten für die verschiedenen Fischarten, aber ebenso der Schutz der kleineren und damit jüngeren Fische, um die Fortpflanzung der Arten zu sichern. Die Fischernetze müssen dafür entsprechend große Maschen haben, um nur die größeren Tiere abzufischen.

Schutzmaßnahmen bis jetzt nutzlos

Leider zeigen Beobachtungen der letzten Jahrzehnte, dass sich die Bestände nicht wesentlich erholt haben. Überraschend ist auch die Menge des unerwünschten Beifangs, der meist tot wieder ins Meer geworfen wird, deutlich angestiegen. Das europäische Parlament hat sich bereits auf eine Reduktion der Fangquoten festgelegt. Außerdem soll der Beifang auf die Fangquote der Fischer angerechnet werden, sodass alle gefangenen Fische wenigstens genutzt werden. 

Die Alternative: eine evolutive Perspektive

Kritische Fischereibiologen beklagen allerdings das Festhalten an einem selektiven Konzept, bei dem artenbezogene Fangquoten festgelegt und Größenvorgaben gemacht werden. Aus ihrer darwinistischen Problemsicht ist das Abfischen großer Tiere eine Teilursache für den Zusammenbruch und das Ausbleiben der Erholung der Fischbestände. 

Gut untersucht sind die früher ergiebigen Bestände des Kabeljaus (Gadus morhua) vor den Küsten von Labrador und Neufundland im nördlichen Atlantik. Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre beobachtete man hier einen rapiden Zusammenbruch der Populationen. Die kanadische Regierung erließ 1992 ein Fangverbot. 

Mit der Reduzierung der Populationen hatten sich auch wichtige Merkmale der Lebensgeschichte der Tiere verändert. Die Fische waren deutlich kleiner und leichter, die Weibchen erreichten die Geschlechtsreife  ein Jahr früher und bildeten weniger Eizellen. Auch die Überlebenswahrscheinlichkeit beider Geschlechter war verringert (Olsen u.a. 2004). 

Das internationale Forschungsteam, das die Untersuchung durchgeführt hat, bewertet den Populationskollaps durch den Fischfang als ein Evolutionsereignis (Olsen u.a. 2004; Borrell 2013). Die verbleibenden kleineren Tiere dominieren die reduzierten neuen Populationen, was die Beobachtungen erklären würde.

Die Fischerei als Ursache gerichteter Selektion

Unterstützung für eine evolutive Erklärung, statt der mehrheitlich angeführten phänotypischen Plastizität in der Reaktion auf ökologische Faktoren wie Temperaturveränderungen und Nahrungsmangel (Borrell 2013), brachte ein langfristiges Laborexperiment amerikanischer Evolutionsbiologen mit dem Atlantic Silverside (Menidia menidia, dt. Mondährenfisch), der vor der nordamerikanischen Ostküste vorkommt. Die Forscher simulierten den Evolutionsablauf mit Populationen zu je 1000 Fischen in Aquarien. Über vier Generationen wurden vor der Fortpflanzung jeweils 90 % der Tiere entfernt: einmal nur die größten, einmal nur die kleinsten und drittens zufallsgemäß.

Die Ergebnisse zeigten beim Abfischen der größten Tiere, wie es in der weltweiten Fischerei der Fall ist, eine Abnahme des Durchschnittsgewichts der Fische und der gesamten Entnahmemenge. Wurden die kleinen Fische entfernt, nahmen die verbleibenden Tiere der Populationen an Größe zu. Bei Zufallsentnahme schwankten die Werte um den Anfangswert, die Tiere der  Populationen behielten ihr Gewicht.

Um zu belegen, dass die Unterschiede genetisch begründet sind, züchteten die Forscher die Fische der vierten Generation aus den drei Ansätzen ohne Selektionsdruck unter gleichen Bedingungen 190 Tage weiter. Fische aus den Ansätzen, in denen zuvor die großen Tiere selektiert wurden, besaßen am Ende ein rund 2,5mal geringeres durchschnittliches Feuchtgewicht als im umgekehrten Fall.

Auch die Wachstumsrate der Larvenformen nahm bei gerichteter Selektion gegen große Fische  über die vier Generationen im Vergleich zur Zufallsselektion ab, während sie bei Selektion gegen kleine Tiere anstieg (Conover/Munch 2004). 

Der Evolutionstrend scheint sich langfristig umzukehren

Die Weiterführung dieser Versuche bietet allerdings etwas Hoffnung auch für den Nordwestatlantischen Kabeljau: Nach fünf Generationen, jetzt mit zufälliger Befischung, scheint sich der Evolutionstrend beim Mondährenfisch umzukehren. Die Forscher schließen aus ihren Ergebnissen auf  eine volle Erholung eines Bestandes nach 12 Generationen, also nach einigen Jahrzehnten (Conover/Munch 2009). 

Nach jahrzehntelangem Fangverbot für den Kabeljau vor der Küste Neufundlands wurde in den letzten Jahren an einigen Fischgründen eine Erholung  des Bestandes ausgemacht. Trotzdem bleibt das Moratorium weiter bestehen. Insgesamt sind die Populationen noch zu klein und es wird intensiv weiter geforscht (Salinas 2012, Engbert u.a.2012). 

Experten fordern gleichmäßige Belastung der Populationen

Aufgrund dieser und weiterer ähnlicher Erkenntnisse stellen die Kritiker das selektive Fischfangkonzept mit Artquoten und Größenvorgaben infrage. Diese führten zu kleinen Populationen mit eingeschränktem Größenspektrum. Die bessere Alternative wäre eine gleichmäßige Belastung der Populationen, bei der die Variationsbreite hinsichtlich der Größe erhalten bliebe. Die Forderung ist eine ausbalancierte Fischereistrategie, die Strukturen und Diversität des Ökosystems berücksichtigt (Garcia 2012). 

Einige afrikanische Fischer sind möglicherweise ihrer Zeit voraus. Sie fangen mit illegalen Netzen große und kleine Fischer gleichermaßen, erhalten dadurch die Diversität der Nahrungskette und intakte Ökosysteme – nur die Biomasse ist verringert (Garcia 2012, Borrell 2013). 

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