SozialverhaltenMehr Trinkgeld durch Berührung?

Führt eine flüchtige Berührung wirklich zu mehr Trinkgeld? Laut Midas-Effekt fördern Berührungen großzügiges Verhalten. Aktuelle psychologische Studien zweifeln den Effekt nun an. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Kellnerin nimmt in Cafe Bestellung auf

Gibt es den Midas-Effekt wirklich? Foto: © wavebreak3/stock.adobe.com

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Der griechische König Midas war für seine Gier nach Reichtum bekannt. Dem Mythos nach rang er Dionysos, dem Gott der Freude, das Versprechen ab, dass alles, was er berühre, zu Gold werde. Das wurde ihm aber bald zum Verhängnis. Nachdem er nicht nur sein Essen, sondern auch seine hübsche Tochter in Gold verwandelte, bat er Dionysos verzweifelt, die Gabe zurückzunehmen. Durch ein Bad in einem Fluss konnte er sich schließlich von seiner Last rein waschen.

Der Midas-Effekt

Der unersättliche König ist heute Namensgeber eines psychologischen Phänomens: dem Midas-Effekt. Er bezeichnet die in zahlreichen Studien beschriebene Beobachtung, dass Menschen nach einer körperlichen Berührung großzügiger werden. So erhalten z. B. Kellnerinnen und Kellner mehr Trinkgeld, wenn sie die Restaurantbesucher berühren. Selbst in einer französischen Bar trat dieser Effekt auf, obwohl es dort eigentlich unüblich ist, überhaupt Trinkgeld zu geben.

Spezielle Nervenfasern für Berührungen

Für die Wahrnehmung von Berührungen gibt es in der menschlichen Haut zwei verschiedene Systeme. Zum einen schnell leitende myelinisierte Aβ-Nervenfasern, zum anderen unmyelinisierte C-Fasern, welche die Nervenimpulse etwa fünfzig Mal langsamer leiten. Erst 1990 entdeckten Wissenschaftler eine Untergruppe dieser C-Fasern, die CT-Fasern (von C-taktil). Die Laienpresse spricht auch gern von „Kuschelnerven“. Das ist insofern passend, da diese Nervenfasern nur durch sanfte Berührungen maximal angeregt werden.

Berührungen schaffen Wohlbefinden

Berührungswahrnehmung scheint daher nicht nur eine informationelle, sondern auch eine emotional-affektive Komponente zu haben. Dies führt dazu, dass Berührungsreize einer bestimmten Intensität vom Gehirn als angenehm interpretiert werden. Menschliches Wohlbefinden ist nicht nur bei Säuglingen, sondern für das ganze Leben von sanften Berührungen abhängig. Wissenschaftler sprechen daher auch von der Haut als einem sozialen Organ.

Der Midas-Effekt im Test

Ob sanfte Berührungen Menschen tatsächlich großzügiger machen, untersuchten Wissenschaftler der Universitäten Oslo und Wien in einer aktuellen Studie. Die Versuchsteilnehmer erhielten drei Minuten lang Streicheleinheiten, welche die CT-Fasern entweder besonders stark oder weniger stark aktivierten. Anschließend wurde sie mit einer zweiten Person konfrontiert, die auf unterschiedliche Weise in Erscheinung trat. Entweder blieb die Person ein anonymer Kontakt über das Internet, befand sich, ungesehen, im selben Raum oder stand der Versuchsperson direkt gegenüber und berührte sie zusätzlich. Daraufhin testeten die Wissenschaftler mit Hilfe eines Spiels die Großzügigkeit der Versuchsperson. Das Ergebnis: Egal, ob die CT-Fasern stark oder weniger stark aktiviert wurden, die Versuchsteilnehmer verhielten sich in keinem Fall großzügiger.

Zweifel an den Ergebnissen

Die Methodik der Studie wirft allerdings Fragen auf. Weshalb wurden die Streicheleinheiten mit einer Bürste und nicht per Hand durchgeführt? Weshalb wurde die Großzügigkeit der Versuchsteilenehmer mit einem Spiel getestet, bei dem es um Vertrauen ging? Warum wurde der soziale Kontext, in dem kurzen Berührungen üblicherweise stattfinden, in keiner Weise berücksichtigt? Spielen auch andere Faktoren, wie Freundlichkeit und Attraktivität, eine Rolle?

Sympathie als Schlüsselfaktor?

Eine neue Hypothese gibt es schon: Berührt man jemanden, kommt man diesem Menschen sehr nahe. Das schafft eine gewisse Intimität, sodass die Berührung bewusst oder unbewusst als Ausdruck von Sympathie interpretiert wird. Und diese Sympathie könnte großzügig stimmen. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen!

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