LangeweileBesser als ihr Ruf

In der 3. Klasse musste ich nachsitzen. Die Lehrerin erklärte meiner verwunderten Mutter, dass ich während des Unterrichts gepfiffen hatte. Ich hatte mich gelangweilt. Die meisten Menschen empfinden diesen Zustand als äußerst unangenehm und versuchen ihn möglichst zu beenden. Doch neuerdings gewinnen Wissenschaftler der bleiernen Zeit durchaus positive Seiten ab.

Gelangweilter Schüler

Schulunterricht kann manchmal sehr langweilig sein. Foto: © gpointstudio/stock.adobe.com

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An der Haltestelle auf den Bus warten, auf der Autobahn im Stau stehen, im Supermarkt an der Kasse warten – viele Menschen empfinden in solchen Situationen Langeweile. Aber sie geht vorüber – zumal sich heutzutage viele mit ihrem Smartphone über die Zeit retten. Von anderem Kaliber ist Langeweile im Unterricht, im Studium, im Beruf, in der Freizeit, in der Beziehung.

Langweilige Situationen weilen einfach zu lange 

Man hat den Eindruck, die Zeit krieche dahin. Eine langweilige Unterrichtsstunde kann subjektiv dann schon mal Spielfilm-Länge erreichen. Diese „Zeitdilatation“ kommt zustande, weil das Gehirn über keine Uhr verfügt, um die tatsächliche Zeit zu messen. Stattdessen zählt es, wieviel Ereignisse stattfinden. Passiert wenig: gähn! Tatsächlich geht Langeweile oft mit Müdigkeit einher.

Menschen versuchen alles Mögliche, um der Langeweile zu entkommen

In einem Experiment verpassten sich Männer wie Frauen lieber leichte Stromstöße als weiterhin nichts zu tun. Langeweile ist Stress. Blutdruck und Pulsfrequenz steigen an und Cortisol wird vermehrt freigesetzt. Die einen werden aggressiv, die anderen depressiv.

Für den gesunden Menschenverstand langweilt sich jemand, der schlicht nichts zu tun hat. Psychologen dagegen definieren Langeweile als die unangenehme Erfahrung, nicht in der Lage zu sein, eine gewünschte Tätigkeit auszuführen. Ursache sei die Unfähigkeit, die Aufmerksamkeit erfolgreich auf etwas zu fokussieren.

Es gibt Menschen, die sind anfälliger

Sie langweilen sich häufiger und vor allem schneller, selbst in Situationen, die für andere Menschen interessant und anregend sind. Sie verlieren schnell das Interesse an den eigenen Aktivitäten und sind ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Sie empfinden eine ausgeprägte Abneigung gegenüber Routine und neigen zu Unruhe, wenn die Umwelt keine Abwechslung mehr zu bieten hat.

Neurobiologisch wird das mit einem Mangel an Dopamin-Rezeptoren im Belohnungssystem in Zusammenhang gebracht. Diese Menschen benötigen mehr Dopamin, um das gleiche Maß an Aufmerksamkeit und Interesse zu entwickeln. Bei normalem Dopamin-Spiegel erlahmt das Interesse sehr viel schneller und es braucht einen neuen Kick. Die Parallelen zur Drogenabhängigket sind nicht zufällig.

Langeweile ist ein Warnsignal!

Inzwischen hat sich eine funktionale Betrachtungsweise durchgesetzt: Langeweile ist ein emotionaler Zustand, der dazu ermutigen soll, neue Ziele und Aufgaben zu verfolgen. Ohne Langeweile würde man in unbefriedigenden Situationen verharren. Langeweile ist demnach vor allem eines: ein Warnsignal, das sagt: Tu was! Beende das, was Dich gerade anödet, und suche Dir etwas Neues, das Dich anregt und interessiert! Die schlechte Nachricht ist: Langeweile kann auch dazu motivieren, riskante Ziele zu verfolgen, wie Alkohol- und Drogenkonsum, riskante Sportarten oder Zocken an der Börse.

Aus evolutionsbiologischer Sicht ist die Sache ohnehin klar: Selbst etwas so Unangenehmes wie Langeweile würde es nicht geben, wenn sie unseren Vorfahren keinen Selektionsvorteil verschafft hätte. Langeweile motiviert dazu, Neues und Unbekanntes auszuprobieren, sich auch mal in Gefahr zu begeben und seine Kreativität zu entfalten.

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