ChronobiologieAlex schläft, einsam wacht

Männer gehen später zu Bett und stehen später auf als Frauen – vor allem in der Lebensphase, in der es zur Paarbildung kommt. Ist das ein Ergebnis sexueller Selektion?

Der Chronotyp von Frauen und Männern unterscheidet sich.

Der Chronotyp von Frauen und Männern unterscheidet sich. Foto: © BillionPhotos.com/stock.adobe.com

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Als Chronotyp bezeichnet man die individuelle Präferenzder Schlafzeiten. Die meisten Menschen schlafen zwischen 0 und 8 Uhr, aber es gibt auch „Lerchen“, die zwischen 21 und 5 Uhr Bettruhe halten und „Eulen“, die die Zeit von 3 bis 11 Uhr bevorzugen. Während der Pubertät verschieben sich die Präferenzen zu späteren Chronotypen. Dabei gibt einen deutlichen Geschlechtsunterschied: Mädchen entwickeln sich zu moderateren „Eulen“ als Jungen.

Wieso ist der Chronotyp geschlechtsspezifisch?

Wie es zu diesem geschlechtsspezifischen Unterschied in Bezug auf den Chronotyp kommt, ist noch unklar, aber es gibt allgemeine Hinweise. Die Verschiebung der bevorzugten Schlafzeiten während der Pubertät hat vermutlich etwas mit den Sexualhormonen zu tun, deren Konzentration in dieser Zeit dramatisch ansteigt. Da bei Frauen und Männern unterschiedliche Sexualhormone eine Rolle spielen, könnten diese an dem Geschlechtsunterschied beteiligt sein. Außerdem nähern sich weibliche und männliche Chronotypen mit zunehmendem Alter wieder an und gleichen sich nach der Menopause.

Zwei Vorgänge im Gehirn steuern das Schlafen

Schlafen wird von zwei Vorgängen im Gehirn gesteuert: dem Schlafdruck, der im Laufe des Tages immer größer wird und sich während des Schlafs wieder abbaut, und einem circadianen Rhythmus, der die optimale Schlafzeit vorgibt. Während der Schlafdruck vermutlich durch ein Molekül zustande kommt, das beim Abbau von ATP entsteht (Adenosin), hängt der circadiane Rhythmus von zwei Hormonen ab, deren Konzentrationen im Tag-Nacht-Rhythmus oszillieren: Cortisol und Melatonin. Während das tagsüber freigesetzte Coritsol für Wachheit sorgt, steigert das nachts freigesetzte Melatonin die Schlafbereitschaft.

Ist der geschlechtsspezifische Chronotyp genetisch reguliert?

Da das alles im Bereich des Hypothalamus gesteuert wird, wäre es denkbar, dass plötzlich höhrere Konzentrationen an Sexualhormonen auf die entsprechenden neuronalen Netzwerke Einfluss nehmen. Allerdings ergaben Messungen der Cortisol- und Melatonin-Konzentrationen keine Unterschiede im Timing zwischen Frauen und Männern. Erfolgreicher war die Suche nach Unterschieden im Timing von Uhren-Genen, die an der Generierung des circadianen Rhythmus im Gehirn beteiligt sind. Bei allen drei untersuchten Genen erfolgte die tageszeitliche Expression bei Frauen früher als bei Männern.

Werden Menschen über längere Zeit von äußeren Zeitgebern wie dem Sonnenlicht isoliert, läuft ihre innere Uhr frei und ihr circadianer Rhythmus dauert keine 24 Stunden mehr. Bei einem solchen Experiment hatten alle Teilnehmer einen freilaufenden Rhythmus von durchschnittlich 24,15 Stunden, aber die Frauen kamen auf durchschnittlich 24,09 Stunden. Das mag für einen einzelnen Tag nicht viel erscheinen, kann sich aber im Laufe der Zeit aufsummieren.


 

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Der geschlechtsspezifische Chronotyp beienflusst das Zusammenleben von Frauen und Männern

Ein Zusammenhang, der bereits mehrfach untersucht wurde, ist wie die unterschiedlichen Präferenzen der Schlafzeiten die Zeitvorlieben für sexuelle Aktivitäten beeinflussen. Frauen bevorzugten allesamt den späten Abend (21-24 Uhr) – unabhängig von ihrem Chronotyp. Das war auch bei Männern mit einem „normalen“ Chronotyp so. Frühe männliche Chronotypen („Lerchen“) dagegen artikulierten zur Hälfte eine Vorliebe für die frühen Morgenstunden (6-9 Uhr) vor den späten Abendstunden. Späte Chronotypen („Eulen“) bevorzugten zwar ebenfalls die späten Abendstunden, aber eine kleine Minderheit hätte auch nichts gegen den späten Nachmittag (15-18 Uhr).

Bedingt sexuelle Selektion die Präferenz für spätere Schlafenszeiten?

Die Präferanz für späte Schlafzeiten könnte auf das Wirken sexueller Selektion zurückzuführen sein. Das könnte auf zweierlei Weise zustande kommen: Aus empirischen Untersuchungen ist bekannt, dass Männer mit späten Schlafzeiten signifikant mehr Sexualpartnerinnen haben als Männer mit frühen Schlafzeiten. Vermutlich besuchen sie abends häufiger Bars und Discos und lernen dort mehr Frauen kennen.

Die zweite Möglichkeit könnte damit zusammenhängen, dass Frauen Männer mit diesem Phänotyp für ein Date oder eine Partnerschaft bevorzugen. Männer mit späten Schlafzeiten haben höhere Testosteronspiegel, die ein maskulineres Äußeres zur Folge haben. Dieses könnte von Frauen bei der Partnerwahl bevorzugt werden.

Andererseits spricht die Theorie der assortativen Paarung (Gleich und gleich gesellt sich gern) dafür, dass Frauen nach einem ähnlichen Chronotyp Ausschau halten. Jedenfalls äußerten Frauen in einer Studie den Wunsch, der Chronotyp ihrer Männer solle mehr dem eigenen gleichen.

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