Fehlende GesichtserkennungLauter Fremde

Brad Pitt hat den Spaß am Ausgehen verloren. Er bleibe lieber zuhause, äußerte er sich 2013 gegenüber der Zeitschrift Esquire. Viele Leute würden ihn hassen, weil sie denken, er habe keinen Respekt vor ihnen. Das sei nicht der Fall. Aber er könne sich einfach nicht mehr an sie erinnern, wenn er sie erneut trifft.

Verschwommenes Gesicht

Bei Prosopagnosie können Gesichter nicht voneinander unterschieden werden. Foto: © lassedesignen/stock.adobe.com

|

Die Krankheit, an der Brad Pitt leidet, heißt Prosopagnosie, vom griechischen prosopon für „Gesicht“ und agnosía für „Nichterkennen“. Es handelt sich um die Unfähigkeit, eine Person anhand ihres Gesichtes wiederzuerkennen. Der im Deutschen gebräuchliche Begriff „Gesichtsblindheit“ ist irreführend, da die Betroffenen Gesichter erkennen und auch beschreiben können, aber sie können sie sich nicht merken.

Eine Spezialaufgabe des Gehirns

Gesichtserkennung ist eine so komplexe Angelegenheit, dass es dafür im Gehirn ein eigenes Areal gibt: den Gyrus fusiformis, eine Struktur im Schläfenlappen. Die Nervenzellen in diesem Areal reagieren ausschließlich bei der Wahrnehmung von menschlichen Gesichtern – Affengesichter lassen sie kalt. Dieses Areal ist so speziell, dass bei Ausfall nicht von anderen Gehirnarealen kompensiert werden kann. Die Entwicklung eines so speziellen Organs muss in der menschlichen Evolution mit einem gehörigen Selektionsvorteil verbunden gewesen sein.

Erworben vs. angeboren

Es gibt zwei Formen von Prosopagnosie: die erworbene und die angeboren. Am bekanntesten ist die erworbene Form. Sie tritt nach Schädel-Hirn-Verletzungen, einem Schlaganfall oder einer Gehirnentzündung auf. Diese Form von Prosopagnosie fällt den Betroffenen sofort auf, weil das Gesichtserkennungssystem vorher funktionierte. Anders ist dies bei der angeborenen Form. Die Prosopagnosie bleibt zunächst oft unbemerkt, weil diese Menschen von Geburt an mit einem defekten Gesichtserkennungssystem aufwachsen. Obwohl die angeborene Form autosomal-dominant vererbt wird, wissen die betroffenen Familienmitglieder fast nie voneinander.

Einzelfall? Von wegen!

Die erworbene Form wurde erstmal 1947 von einem Nervenarzt beschrieben, der die Hirnverletzungen von Soldaten des Zweiten Weltkriegs behandelte. Er prägte auch die Krankheitsbezeichnung. Die erste Beschreibung der angeborenen Form tauchte 1976 als Einzelfall auf. Im Jahr 2006 wurde aufgrund einer großen Studie der Universität Münster mit fast 700 Oberstufenschülern und Medizinstudiernde klar, dass diese Krankheit nicht nur Einzelfälle betrifft. Fast 2,5 Prozent der Bevölkerung sind laut der Forscher prosopagnostisch.

Hängen Kuscheln und Gesichtserkennung zusammen?

Da die Krankheit allein auf dem Defekt eines bestimmten einzelnen Gens beruht, sprich monogen bedingt ist, ist dieser Wert ungewöhnlich hoch. Es ist zudem nicht bekannt, welche Mutation in welchem Gen für die Krankheit verantwortlich ist. Erste molekulargenetische Studien legen den Verdacht nahe, dass es sich um Punktmutationen im Gen für den Oxytocin-Rezeptor handeln könnte. Das klingt insofern plausibel, da das „Kuschelhormon“ Oxytocin an der Gesichtserkennung beteiligt ist.

Gesichtslose Fremde

Wie verhalten sich Menschen mit einer Merkschwäche für Gesichter? Sie sehen die Gesichter von anderen Menschen seltener an, weil die ihnen keine Informationen liefern. Das kann natürlich zum Problem werden. Im Kindergarten brauchen sie sehr lange, um sich in eine Gruppe zu integrieren. Schon nach kurzer Zeit wissen sie nicht mehr, mit wem sie gespielt haben. Selbst die eigene Mutter wird beim Abholen mitunter nicht erkannt. In der Schule wirken sie abwesend und schauen aus dem Fenster, obwohl die Leistungen in der Regel in Ordnung sind. Sehr oft wird Prosopagnosie mit Autismus verwechselt, obwohl dieser Verdacht in jedem der untersuchten Fälle widerlegt wurde. Autisten vermeiden absichtlich den Blickkontakt. Für Kinder mit Prosopagnosie ist er einfach nur uninteressant.

Welche Strategien helfen?

Ab dem Alter von 10 Jahren nimmt das vermeidende Verhalten langsam ab. Die Kinder entwickeln Strategien, um mit ihrer Gesichtserkennungsschwäche besser zurechtzukommen. Sie merken sich die Stimme, die Haare, die Kleidung. Außerdem lernen sie, Gesprächspartnern mit Absicht ins Gesicht zu schauen, denn viele Menschen sind von dem fehlenden Blickkontakt irritiert und reagieren mitunter verletzt. Eine Therapie für Prosopagnosie-Betroffene existiert nicht, es gibt nur die genannten Hilfsstrategien. Auch Brad Pitt hat damit experimentiert. Sein „Okay, woher kennen wir uns?“ ging leider nach hinten los. Oft waren die Menschen dann noch verstimmter. Brad Pitt sei jedes Mal dankbar, wenn ihm jemand den gemeinsamen Kontext erklärt. Trotzdem hat er das Gefühl, immer mehr Leute zu verärgern.

Weitere Artikel des Autors

Gibt es den Midas-Effekt wirklich?

Mehr Trinkgeld durch Berührung?

007 und der Alkohol

Geschüttelt, nicht gerührt

Migräne: Ein evolutionäres Erbe

Der Kopfschmerz, der aus der Kälte kommt

30 % Rabatt für Referendare – und weitere Vorteile
Das rechnet sich!

30 % Rabatt für Referendare – und weitere Vorteile

Als Studierende oder Referendare erhalten Sie 30 % Rabatt auf das Jahres-Abo der Zeitschriften. Zusätzlich erhalten Sie dann als Abonnent weitere Preisermäßigungen für viele Produkte des Verlags.

Mehr erfahren

Newsletter unterricht-biologie.de

Fachnewsletter Unterricht Biologie

Exklusive Goodies  Unterrichtskonzepte
Neues vom Fach  Jederzeit kostenlos kündbar