Biomarker für StressEine haarige Angelegenheit

Dass manchen Menschen im Stress sprichwörtlich die Haare zu Berge stehen, ist allgemein bekannt. Die Redewendung ist aus der Tatsache entstanden, dass sich die Haarbalgmuskeln unter der Einwirkung des Sympathikus kontrahieren und die Haare aufrichten. Weniger bekannt dürfte sein, dass man aus den Haaren ablesen kann, wie häufig und wie stark ein Mensch gestresst war – und das sogar Monate oder Jahre zurück.

Haare mit Schere

Gestresst oder nicht? Eine Haaranalyse gibt die Antwort. Foto: © Suslik1983/shutterstock.com

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Cortisol - ein Biomarker für Stress

Bei Stress werden vom Gehirn über den Hypothalamus zwei Signalsysteme aktiviert, die letztlich zur Freisetzung von Adrenalin und Corisol aus den Nebennieren führen. Die beiden Hormone haben unterschiedliche Effekte: Adrenalin bewirkt die blitzschnelle Aktivierung von Körperreaktionen zur Bewältigung der Stresssituation, während Cortisol längerfristige Wirkungen entfaltet.

Cortisol hat ein sehr breites Aktionsspektrum. Es wirkt auf das Immunsystem, das Verdauungssystem, den Kohlenhydrat-, Protein- und Fettstoffwechsel, die Nieren, das Herz-Kreislaufsystem und das Gehirn. Die Wirkungen dienen der Aufrechterhaltung der Homöostase und erlauben dem Organismus, mit langanhaltendem, unkontrollierbarem Stress fertig zu werden.

Dauerstress beeinflusst die Cortisol-Werte

Durch Dauerstress erhöhte Cortisol-Werte haben vor allem zwei Effekte: Es kommt einerseits zu einer Immunsuppression, vor allem der zellulären Immunität, und einer dadurch gesteigerten Anfälligkeit für Infektionskrankheiten und Krebs. Zum anderen wird die Insulin-Freisetzung gesteigert und beide Hormone zusammen begünstigen die Fettspeicherung und damit Übergewicht

Dauerstress kann aber auch zum Gegenteil führen: die Cortisol-Werte sind niedriger als normal – z.B. bei Postraumatischer Belastungsstörung. Der Rückgang der Cortisol-Freisetzung wird als Anpassungsreaktion auf längerfristig erhöhte Cortisol-Konzentrationen interpretiert, die den Körper vor den schädlichen Wirkungen der hohen Cortisol-Werte schützen sollen.

Wie wird die Cortisol-Konzentration gemessen?

Die Messung von Cortisol (bzw. Glukocorticoiden bei Tieren) als Biomarker von Stress hat eine lange Tradition. Bisher wurden die Cortisol-Konzentrationen aus Proben von Blut, Urin oder Mundspeichel bestimmt. Vor allem die Messungen aus Blut und Speichel haben den Nachteil, dass sie nur die Cortisol-Konzentration zum Messzeitpunkt wiedergeben. Der Cortisol-Spiegel schwankt aber über den Tag: er ist am frühen Morgen am höchsten und gegen Abend am niedrigsten.

In den letzten 20 Jahren hat sich ein Verfahren etabliert, bei dem die Cortisol-Konzentration im Kopfhaar bestimmt wird. Es wurde urspünglich zum Nachweis von Drogenmissbrauch entwickelt und für die Cortisol-Analyse adaptiert. Der große Vorteil des Verfahrens beruht darauf, dass Haare etwa 1 cm pro Monat wachsen und damit – je nach Haarlänge – Cortisol-Profile von mehreren Monaten zur Verfügung stehen. Vor allem kann retrospektiv gemessen werden. Und das Verfahren ist nicht-invasiv. Ein paar Haare abschneiden, fertig.

Wie aussagekrätig sind Cortisol-Messungen aus Haaren?

Zunächst stellt sich die Frage, wie Cortisol überhaupt in ein Haar kommt. Am Ende jeder Haarwurzel befindet sich die Haarpapille, die von Blutkapillaren durchzogen ist. Hier kann Cortisol aus dem Blut in die Haarwurzel und weiter ins Haar diffundieren. Obwohl Haarfollikel selbst geringe Mengen an Cortisol produzieren, spiegeln Haare die Cortisol-Konzentrationen im Blut sehr zuverlässig, aber nur über etwa 6 cm oberhalb der Kopfhaut. Häufiges Waschen der Haare verringert die Cortisol-Menge. Die Zeit spielt dagegen keine Rolle, denn Cortisol wurde auch noch im Haar 1000 Jahre alter peruanischer Mumien gefunden.

Die wissenschaftliche Haaranalyse ist nicht zu verwechseln mit Haaranalysen, die seit einigen Jahren von Apotheken, Reformhäusern, Heilpraktikern und im Internet angeboten werden. Hier werden Mineralstoffe, Spurenelemente und Schwermetalle mit dem Versprechen untersucht, Rückschlüsse auf die Gesundheit ziehen zu können. Die Stiftung Warentest hatte bereits 2004 die nicht gerade billigen Tests unter die Lupe genommen und kam zu dem eindeutigen Ergebnis: Rausgeschmissenes Geld!

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